theNet von CLOUDFLARE

Mit KI gegen digitale Verluste im Handel

Autonome Agents als neuer Standard für die Integrität im Einzelhandel

Seit Jahren konzentriert sich der Einzelhandel auf die zentralen Säulen Verfügbarkeit und Skalierbarkeit. Die wichtigsten Ziele bestanden darin, Website-Ausfälle zu verhindern und sicherzustellen, dass das Zahlungsgateway (Payment Gateway) auch bei Traffic-Spitzen verfügbar blieb. Doch während die Grenze zwischen physischen Geschäften und digitalen Plattformen zunehmend verschwindet, ist eine neue und kostspieligere Herausforderung entstanden: der Schutz der Margen.

In der Branche nennen wir dieses Phänomen „Schwund“ („Shrink“). Der Begriff bezieht sich auf die Milliardenverluste, die jährlich durch Diebstahl, Verwaltungsfehler und Betrug entstehen. Traditionell war Verlustprävention eine physische Aufgabe, die Kameras, Sicherheitsetiketten und Ladendetektive umfasste. In unserer heutigen Omnichannel-Welt ist der Schwund digital geworden. Um Verluste zu bekämpfen, setzt die nächste Generation von Führungskräften im Einzelhandel eine intelligente Analyseplattform an der Schnittstelle zwischen Nutzer, Netzwerk und Transaktion ein, um das Konzept eines autonomen Schwund-Analysten („Shrink Analyst“) zu ermöglichen.


Die harte Realität: Warenschwund im Einzelhandel in Zahlen

Laut dem Bericht der National Retail Federation (NRF) für 2025 nimmt das Ausmaß des Schwundproblems alarmierend schnell zu. Einzelhändler meldeten einen Anstieg der durchschnittlichen Zahl von Ladendiebstählen pro Jahr um 18 %, während E-Commerce-Betrug um 55 % zunahm. Besonders relevant für Unternehmen, die Omnichannel-Transformationen steuern: 71 % der Einzelhändler verzeichneten einen deutlichen Anstieg betrügerischer Retourenpraktiken.

Das sind nicht einfach nur Sicherheitsprobleme. Es handelt sich um operative Schwachstellen, die sich direkt auf das Geschäftsergebnis auswirken. Wenn 85 % der Einzelhändler angeben, inzwischen auf KI zur Erkennung oder Verhinderung von Betrug zu setzen, stellt sich für den CTO nicht mehr die Frage, ob KI eingesetzt werden sollte, sondern wo diese KI angesiedelt sein muss, um maximale Wirkung zu entfalten. Wenn Ihre Logik zur Betrugserkennung in einem zentralen Rechenzentrum liegt, während der Diebstahl an einer lokalen Self-Checkout-Kasse oder über eine mobile App stattfindet, ist das Zeitfenster für ein Eingreifen bereits geschlossen. Wir müssen die Intelligenz näher an den Punkt der Transaktion bringen: Wir brauchen einen KI-gestützten, autonomen Schwundanalysten, der nah an den Kunden ist.


Wie bereit ist Ihr Vorstand für Agentic AI?

Führungskräfte im Einzelhandel müssen sich drei wichtige Fragen stellen, um sicherzustellen, dass ihre Infrastruktur für das Zeitalter der agentenbasierten KI (Agentic AI) gerüstet ist:

  1. Haben wir eine einheitliche Sicht auf unseren Bestandsstatus? Wenn Ihre digitale Storefront und Ihre POS-Protokolle aus der Filiale nicht in eine gemeinsame Plattform wie eine globale Fabric-Observability-Engine eingespeist werden, entsteht möglicherweise eine Transparenzlücke, die zu Schwund führen kann. Datensilos sind das wichtigste Spielfeld für modernen Betrug.

    Ein autonomer Schwundanalyst kann diese einheitliche Sicht bereitstellen und Erkenntnisse aus Daten der digitalen Storefront und des POS liefern.

  2. Schützen wir unsere Geschäftslogik oder nur unseren Perimeter? Traditionelle Sicherheit stoppt Angreifer, aber sie hindert Bots nicht daran, Ihr Inventar legal zu blockieren oder Loyalitätspunkte abzuwerben.

    Ihr Schwundanalyst kann den Missbrauch der grundlegenden Funktionen Ihres Shops erkennen, nicht nur „Angriffe“ im traditionellen Sinne.

  3. Befindet sich unsere KI nahe an unseren Daten? Latenz ist der Feind der Verlustprävention. Wenn Ihre Betrugserkennung einen Roundtrip in eine zentrale Cloud erfordert, ist der Schwund bereits aus dem Haus.

    Indem Sie den Schwundanalysten nahe bei den Nutzern ansiedeln, können Sie Echtzeitprobleme mit Echtzeitlösungen bekämpfen.

Die Gewinner des nächsten Jahrzehnts im Einzelhandel werden nicht nur die Unternehmen mit den schnellsten Websites oder den besten Nutzererlebnissen sein. Es werden jene sein, die ihr Netzwerk nutzen, um vollständige Transparenz über jeden Artikel, jeden Scan und jeden Klick zu gewinnen. Durch den Einsatz autonomer Schwund-Agenten an der Schnittstelle von Nutzer, Netzwerk und Transaktion verhindern wir nicht nur Diebstahl. Wir sichern die Integrität des gesamten Retail-Ökosystems.


Moderne OAT-Bedrohungen: Digitaler Schwund („Digital Shrink“) definiert

Während klassischer Diebstahl auf der Verkaufsfläche stattfindet, entsteht durch automatisierte Bedrohungen eine subtilere Form des digitalen Schwunds. Um zu verstehen, warum ein autonomer Schwundanalyst notwendig ist, betrachten wir einen der wichtigsten „Digital Shrink“-Vektoren, den er entschärfen soll: Denial of Inventory. Diese Bedrohung wird vom OWASP Automated Threat (OAT) Project als einer der bedeutendsten Belastungsfaktoren für die Profitabilität im modernen Einzelhandel eingestuft.

Denial of Inventory (OAT-021) ist ein stiller Margenkiller an der Schnittstelle von Logistik und Cybersicherheit. Hochentwickelte Bot-Netzwerke, die zunehmend von agentenbasierter KI unterstützt werden, legen systematisch stark nachgefragte Artikel in Tausende digitale Warenkörbe, ohne den Checkout jemals abzuschließen. Dadurch entsteht das, was wir als „Phantom-Schwund“ bezeichnen. Ihre Systeme zeigen die Artikel legitimen Kunden als nicht verfügbar an und treiben sie so zur Konkurrenz, während der physische Bestand ungenutzt im Regal liegt. Wenn die Bots die Reservierung dieser Artikel schließlich aufheben, ist das Zeitfenster der Spitzennachfrage bereits vorbei. Häufig müssen Händler dann hohe Preisnachlässe gewähren, nur um das Produkt noch zu verkaufen – und zerstören damit die ursprünglich erwartete Marge für diese SKU.

Die Bekämpfung dieses Denial-of-Inventory-Vektors ist entscheidend, um Margen zu sichern und Kundenabwanderung zu vermeiden.


Blinde Flecken schließen: Alle Plattformen im Blick

Die moderne Handelsumgebung ist geprägt von einer Vielzahl verstreuter Datenquellen. POS-Systeme, Lagerbestandsprotokolle und IoT-Sensoren in Filialen arbeiten häufig in Silos. Genau diese Fragmentierung schafft den Nährboden für Schwund. Wenn ein Kunde in einer Filiale einen digitalen Coupon verwendet oder eine „Buy online, pick up in-store“-Bestellung (BOPIS) abgewickelt wird, müssen mehrere Systeme miteinander kommunizieren. Erfolgt dieser Austausch nicht in Echtzeit, steigt das Risiko von Fehlern oder Betrug erheblich.

Um diese Herausforderung zu bewältigen, wechseln Einzelhändler zunehmend von reaktivem Reporting, das häufig zu Inkonsistenzen im Omnichannel-Betrieb führt, hin zu Unified Commerce. „Unified Commerce“ ist eine integrierte Handelsstrategie, bei der alle Vertriebskanäle – online und stationär – in einem einzigen, kohärenten System zusammengeführt werden. Mit Tools wie einer globalen Fabric-Observability-Engine können Unternehmen Protokolldaten aus Web-Shop, mobilen Apps und Point-of-Sale-Backend-Systemen erfassen und in einer zentralen Single Source of Truth vereinheitlichen.


Mehr Intelligenz direkt am Point of Sale

Damit ein KI-Agent effektiv sein kann, muss er innerhalb dieses engen Zeitfensters einer Kundentransaktion agieren. Durch die Nutzung eines verteilten Modells für die Bereitstellung von KI-Anwendungen können Einzelhändler Informationen verarbeiten und Betrug genau in dem Moment stoppen, in dem er geschieht – genau dort, wo Kunde und Produkt aufeinandertreffen. Mit der richtigen Plattform für die Anwendungsbereitstellung können Händler diese Analysten-Agenten schnell weltweit ausrollen und komplexe Inferenzmodelle genau dort ausführen, wo die Transaktion stattfindet.

Diese Architektur verbessert nicht nur die Sicherheit. Sie verbessert auch das Kundenerlebnis. Wenn der Schwundanalyst die Hauptarbeit bei der Betrugserkennung übernimmt, sind legitime Kunden seltener von fälschlichen Alarmen betroffen – und der Checkout wird reibungsloser.


Der Aufstieg des autonomen Schwundanalysten

Wenn Transparenz die Augen des Betriebs sind, dann ist ein KI-Agent an der Schnittstelle von Nutzer, Netzwerk und Transaktion das Gehirn. Dieser Agent ist eine intelligente Ebene, die auf einer Connectivity Cloud aufbaut. Er sollte Bot-Management nutzen, um Störsignale herauszufiltern, clientseitige Sicherheit, um den Browser zu schützen, und einen KI-Inferenz-Service, um komplexe Logik in Echtzeit auszuführen.

Anders als klassische Sicherheit konzentriert sich dieser Agent auf ganzheitliche Retail-Integrität:

  1. Kontextbezogene Betrugserkennung: Der Agent erkennt unmögliche Szenarien, etwa wenn eine hochwertige Rückerstattung in einer Filiale verarbeitet wird, während sich das zugehörige digitale Konto im selben Moment aus einem anderen Bundesstaat anmeldet.

  2. Eindämmung von Inventory Hoarding: Der Agent unterscheidet zwischen einem menschlichen Käufer und einem Bot, der Bestände blockiert. Erkennt er OAT-021-Muster, gibt er reservierte Bestände automatisch wieder für den verfügbaren Warenbestand frei.

  3. Das Trusted Agent-Protokoll: Während sich der Einzelhandel in Richtung agentenbasiertem Handel (Agentic Commerce) entwickelt, bei dem Kunden ihre eigenen KI-Assistenten zum Einkaufen nutzen, arbeitet der Analyst mit branchenüblichen Protokollen wie Web Bot Auth, Trusted Agent Protocol und Agent Payments Protocol (AP2). So kann das Geschäft den nützlichen Shopping-Assistenten eines Kunden sicher von einem bösartigen Bot unterscheiden.


Validierung in der Praxis: Die Triade der Integrität

Die Connectivity Cloud von Cloudflare ermöglicht es Ihnen, diesen autonomen Schwundanalysten zu entwickeln. Bot-Management, clientseitige Sicherheit und eine KI-Entwicklerplattform helfen dabei, Ihre Website und Ihre Nutzer zu schützen und zugleich KI-Inferenz nahe am Nutzer bereitzustellen.

Hier sind drei Beispiele dafür, wie führende Einzelhandelsunternehmen die Plattform von Cloudflare nutzen, um ihre Handelsmargen auf besondere Weise zu schützen:

  • Shopify betreibt seine Commerce-Plattform auf Cloudflare. So bleibt das einheitliche POS-System weltweit mit den digitalen Storefronts synchronisiert. Das verhindert Verzögerungen im Bestandsabgleich, die oft zu Überverkäufen oder Phantom-Beständen führen.

  • Delivery Hero nutzt Cloudflare, um massive Traffic-Spitzen zu bewältigen und gleichzeitig lokale Lagerbestände millisekundengenau abzubilden. So bleibt das „digitale Regal“ perfekt mit dem „physischen Regal“ synchronisiert.

  • Fossil weiß, dass Schwund häufig bereits im Browser des Kunden beginnt. Page Shield schützt die clientseitige Umgebung. Durch die Überwachung auf unautorisierte Skriptänderungen verhindert Fossil, dass Magecart-ähnliche Angriffe, Double-Tap-Skimming und Carding-Bots den Checkout-Prozess kompromittieren.


Die Zukunft der Integrität im Einzelhandel

Der Wandel hin zu einer agentenbasierten Einzelhandelsumgebung ist nicht nur ein technisches Upgrade. Er verändert grundlegend, wie wir Verlustprävention definieren. Indem wir Intelligenz an die Schnittstelle von Nutzer, Netzwerk und Transaktion verlagern, schließen wir die Lücke, in der Schwund traditionell im Schatten isolierter Datensilos gedeihen konnte.

Wir treten in eine Ära ein, in der das Netzwerk mehr leistet, als nur Bits zu bewegen. Es fungiert als das kognitive Rückgrat des Commerce-Lebenszyklus, mit dem primären Ziel sicherzustellen, dass jeder digitale und physische Kontaktpunkt Teil eines einheitlichen, intelligenten Netzwerks ist. Indem wir die Geschäftslogik ebenso rigoros absichern wie den Perimeter, tun wir mehr, als nur Bots zu stoppen und Diebstahl zu verhindern. Wir schaffen eine resiliente Grundlage, auf der Innovation wachsen kann, ohne die Marge zu gefährden. Umfassende Integrität im Einzelhandel ist der neue Standard, und der autonome Schwundanalyst ist der Schlüssel zu ihrer Umsetzung.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie zu den neuesten Trends und Themen, die für Entscheidungsträger aus der Tech-Branche heute von Bedeutung sind.


Vertiefung des Themas:

Erfahren Sie mehr über die Techniken zur Betrugsprävention und zum Schutz vor neuen Bedrohungen für Ihr Einzelhandelsgeschäft im Whitepaper „Strategien zum Schutz von Zahlungsinformationen im Einzelhandel“.

Autorin

Aaron McAllister, PCIP – @aaron-mcallister-mba
Field CTO, Cloudflare



Wichtigste Eckpunkte

Folgende Informationen werden in diesem Artikel vermittelt:

  • Die finanziellen Auswirkungen von automatisiertem Inventory Hoarding auf die Rentabilität im Handel

  • Wann verteilte KI-Agenten besseren Schutz bieten als zentrale Clouds

  • Warum Führungskräfte ihre zentrale Geschäftslogik absichern müssen und nicht nur den Perimeter


Verwandte Ressourcen


Erhalten Sie eine monatliche Zusammenfassung der beliebtesten Internet-Insights!